{"id":147,"date":"2007-06-20T15:58:22","date_gmt":"2007-06-20T14:58:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jomo.org\/?p=147"},"modified":"2010-05-06T20:16:25","modified_gmt":"2010-05-06T19:16:25","slug":"zur-theorie-der-unbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jomo.org\/index.php\/zur-theorie-der-unbildung","title":{"rendered":"Zur Theorie der Unbildung"},"content":{"rendered":"<p>Zusammenfassung eines Vortrags von Konrad Paul Lissmann, Kulturpublizist und Philosophieprofessor (Uni Wien).<\/p>\n<div>Lissmann referierte \u00fcber Vorstellungen von Bildung und Qualit\u00e4tsmanagement. Zu seinem aktuellen Thema Theorie der Unbildung ist k\u00fcrzlich ein gleichnamiges Buch erschienen.<\/p>\n<p>In drei Schritten erkl\u00e4rt Lissmann die problematische Entwicklung des Bildungsbegriffes: Am Beginn der klassischen Bildungsidee steht Wilhelm von Humboldt mit seinem Buch <em>Theorie der Bildung<\/em>. Wilhelm von Humboldt (1767 -1835) verhilft der Bildung als Grundbegriff der deutschsprachigen P\u00e4dagogik zum entscheidenden Durchbruch: Unabh\u00e4ngig von seiner Herkunft hat jede Person Begabungen, die sie entfalten k\u00f6nnen soll. Da wir Gemeinschaftswesen sind, sind wir auf Kommunikation angewiesen und m\u00fcssen sprachliche, kulturelle und Verstehens-Kompetenzen erwerben. Weiters ist der Mensch ein t\u00e4tiges Wesen, das etwas machen, hervorbringen will \u2013 das bedingt technische und \u00f6konomische Kompetenzen. Zweck der Bildung ist laut Humboldt die Pers\u00f6nlichkeits- und Charakterbildung. Bildung soll dazu dienen, sich ein Bild machen zu k\u00f6nnen, ein Bild von sich selbst, wer wir sind und ein Bild von der Welt, in der wir leben. Wer wir wirklich sind erfahren wir in Reflexion \u00fcber unser Leben, \u00fcber das was wir tun und was wir aus unseren Vorgaben machen.<\/p>\n<p>1959 reflektiert der deutsche Philosoph Wolfgang Theodor Adorno in seiner Schrift <em>Theorie der Halbbildung<\/em> das moderne Bildungssystem. Er betont die Notwendigkeit von Mu\u00dfe f\u00fcr den Bildungsprozess anstelle der Unterordnung der Bildung unter \u00f6konomische Ziele, Erwartungs- und Zeitdruck: Schule war eigentlich in ihrer urspr\u00fcnglichen Bedeutung ein Ort der Mu\u00dfe (!), der Ort, an dem man sich nach der Arbeit ausgeruht hat, an dem man Zeit hatte f\u00fcr Erkenntnis und Gestaltung. Adorno betont, dass die wesentlichen Erkenntnisse und die Erfolge unserer Zivilisation auf diese Mu\u00dfe zur\u00fcck geht und nicht auf die Arbeit unter Zeitdruck und Erfolgszwang. Die gro\u00dfartigen Erfindungen und Entdeckungen konnten gemacht werden, weil sich Menschen ihr ganzes Leben mit bestimmten Fragen besch\u00e4ftigen konnten, von denen man vorher gar nicht gewusst hat, dass sie einmal eine Bedeutung haben werden (Albert Einstein!). Adorno nennt uns daher halbgebildet, weil wir diese Mu\u00dfe nicht mehr haben und daher nicht mehr wirklich gebildet sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Konrad Paul Lissmann nennt sein aktuelles Buch nun mit einem gewissen Sarkasmus <em>Theorie der Unbildung<\/em>: Obwohl wir mehr wissen, bleiben wir dennoch ungebildet, weil das Wissen nicht Bildung als Ziel hat, sondern dem Wettbewerb und der kurzfristig denkenden \u00d6konomie unterworfen ist: wichtig ist, was gesellschaftlich und \u00f6konomisch als Wissen wichtig erscheint. Was unmittelbar n\u00fctzt, kann sich allerdings sehr rasch \u00e4ndern. Lissmann zitiert dazu ein bekanntes Beispiel: W\u00e4hrend noch im Jahr 2000 vom damaligen Finanzminister der Bereich Orientalistik an der UNI Wien als entbehrlich bezeichnet wurde, wurde nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 rasch klar, dass es zuwenig ausgebildete Orientalisten gibt, dass das, was an der Orientalistik passiert, heute verdammt wichtig ist: die Auseinandersetzung mit einer anderen Sprache, Kultur und Religion, wie diese Menschen denken, was sie als wichtig erachten und (historisch) erachtet haben. Und weil das zu unserer eigenen Selbsterkenntnis (im Sinne Humboldts) beitragen kann.<\/p>\n<p>In der anschlie\u00dfenden Diskussion ging es auch um die heutigen M\u00f6glichkeiten von Unterricht und Schule \u2013 im Publikum befanden sich haupts\u00e4chlich Lehrerinnen und Lehrer: In der Schule sollen Sch\u00fcler\/innen kompromisslos sprechen und denken lernen, da sind die Sch\u00fcler\/innen aus dem Zwang des Alltags eigentlich herausgenommen. Kritisch \u00e4u\u00dfert sich Lissmann auch zu den Schulrankings und den derzeitigen Qualit\u00e4tsaktivit\u00e4ten: hier werden vielmals falsche Priorit\u00e4ten gesetzt, wertvolle Energie wird falsch eingesetzt. Nachzulesen im lebenswerten Buch von Konrad Paul Lissmann.<\/p>\n<p>Faszinierend auch die Sprachbeherrschung des Vortragenden, sein lebendiger Vortrag und sein humorvoller Umgang mit einem komplexen Thema. Alles in allem ein erfrischender und ermutigender Abend zum Thema Bildung und Bildungsqualit\u00e4t!<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung eines Vortrags von Konrad Paul Lissmann, Kulturpublizist und Philosophieprofessor (Uni Wien). Lissmann referierte \u00fcber Vorstellungen von Bildung und Qualit\u00e4tsmanagement. Zu seinem aktuellen Thema Theorie der Unbildung ist k\u00fcrzlich ein gleichnamiges Buch erschienen. 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