{"id":100,"date":"2006-12-03T15:23:22","date_gmt":"2006-12-03T14:23:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jomo.org\/?p=100"},"modified":"2013-11-20T10:08:03","modified_gmt":"2013-11-20T09:08:03","slug":"logarithmus-und-sinneswahrnehmung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jomo.org\/index.php\/logarithmus-und-sinneswahrnehmung","title":{"rendered":"Logarithmus und Sinneswahrnehmung"},"content":{"rendered":"<p>Der Logarithmus wurde im 16. Jahrhundert von Musikern und Musiktheoretikern auf der Suche nach einer geeigneten Aufteilung des Oktavraumes (temperierte Stimmung) und bei der Analyse akustischer Ph\u00e4nomene gefunden. Dabei wurde entdeckt, dass wir mit unseren Sinnesorganen nicht die physikalischen Reize, sondern die Logarithmen akustischer Erscheinungen (Tonh\u00f6he, Lautst\u00e4rke, aber auch: Lichtst\u00e4rke) wahrnehmen:<\/p>\n<div>Der Empfindungsgrad w\u00e4chst mit gleichen (additiven) Schritten, wenn der physikalische Reiz mit multiplikativ gleichen Schritten w\u00e4chst, das hei\u00dft, wenn der Reiz mit gleich gro\u00dfen relativen Schritten zunimmt (In Bezug auf die Lautst\u00e4rke als Weber-Fechner-Gesetz, 1860, formuliert).<\/p>\n<p>Die Entdeckung des Logarithmus liegt in einer Reihe folgenschwerer Entdeckungen: Auch mit dem kopernikanischen Planetenmodell zeigt die Wissenschaft, dass wir die Welt nicht so wahrnehmen, wie sie ist, wir m\u00fcssen also unserer Sinneswahrnehmung mi\u00dftrauen und die Welt gegen die Sinne denkend neu konstruieren.<\/p>\n<p>Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk formuliert das sehr plastisch:<\/p>\n<p><em>&#8222;Durch den kopernikanischen Schock wird uns demonstriert, da\u00df wir die Welt nicht sehen, wie sie ist, sondern da\u00df wir ihre &#8222;Wirklichkeit&#8220; gegen den Eindruck der Sinne denkend vorstellen m\u00fcssen, um zu &#8222;begreifen&#8220;, was mit ihr der Fall ist. Da liegt das Dilemma: wenn die Sonne aufgeht, geht nicht die Sonne auf. Was die Augen sehen und was der astrophysisch informierte Verstand vorstellt, kann nicht mehr miteinander zur Deckung kommen. &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em>Das Merkw\u00fcrdige an der kopernikanischen Aufkl\u00e4rung ist ja: auch wenn wir wissen, da\u00df wir es mit der Erdumdrehung zu tun haben, sehen wir, sofern wir fr\u00fch genug auf sind, auch nach Kopernikus den Sonnenaufgang in seiner archaischen Sch\u00f6nheit und erhabenen Ereignishaftigkeit. &#8230;<\/em><\/p>\n<p><em> <\/em><em> <\/em><em>Wenn es wahr ist, da\u00df wir Wahrheit \u00fcber die Welt nicht in dem finden, was wir in urpassiver Wahrnehmungseinstellung von ihr sehen, h\u00f6ren und f\u00fchlen, sondern da\u00df wir sie jenseits der Sinneszeugnisse vorstellen und wie eine ontologische Geheimschrift &#8222;lesen&#8220; m\u00fcssen, dann liegt es im Wesen dieser Wahrheit, da\u00df wir uns an ihr schwindlig denken. Wem nicht schwindlig ist, der ist nicht informiert. Je mehr man von kopernikanischen &#8222;Wahrheiten&#8220; wei\u00df, desto schwindliger wird einem &#8211; von dieser Regel d\u00fcrfte es wenige Ausnahmen geben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>(Zitate aus: Sloterdijk, Kopernikanische Mobilmachung und ptolem\u00e4ische Abr\u00fcstung, edition suhrkamp, 1987)<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Logarithmus wurde im 16. Jahrhundert von Musikern und Musiktheoretikern auf der Suche nach einer geeigneten Aufteilung des Oktavraumes (temperierte Stimmung) und bei der Analyse akustischer Ph\u00e4nomene gefunden. 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